Sprachentwicklungsstörungen (SES) und spezifische Sprachentwicklungsstörungen (SSES)
von Karen Shatov

Allgemeine Informationen
Eine Sprachentwicklungsstörung kann vor Abschluss des Spracherwerbs (siehe auch bilingualer Spracherwerb) auftreten. Die Haupterwerbsschritte der Sprachentwicklung sollten mit 4 Jahren abgeschlossen sein. Symptome können sich auf der Ebene der Aussprache, im Bereich des Wortschatzes und/oder auf grammatischer Ebene zeigen.

Hintergrundinformationen
Zu Sprachauffälligkeiten kann es aus unterschiedlichen Gründen kommen. Zum einen treten Sprachentwicklungsstörungen als Folge anderer primärer Störungen auf. Dies ist beispielsweise bei Einschränkungen der sensorischen Fähigkeiten (z.B. Hör- oder Sehstörungen) zu erwarten, bei genetischen Syndromen (z.B. Down Syndrom) oder bei Kindern mit physiologisch beeinträchtigten Artikulationsorganen (z.B. Spaltbildungen). Zum anderen können Sprachentwicklungsstörungen auch als eigenständiges Störungsbild ohne primäre Krankheitsbilder existieren. Bei einem solchen Störungsprofil spricht man von einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES).

Befunderhebung
Die sprachlichen Defizite bei SES/SSES können sich auf einer oder auf mehreren (oder auch auf allen) sprachlichen Ebenen zeigen:

1. Aussprache
Hier wird das kindliche Lautinventar nach und nach mit den muttersprachlichen Lauten gefüllt. Typischerweise gibt es Laute, welche früh erworben werden (z.B. /m/, /b/, /d/) und auch solche, welche später in das Lautinventar aufgenommen werden (z.B. /sch/ oder /ch/ wie bei Milch). Während des normalen Spracherwerbs kommt es eine zeitlang zu normalen Wortveränderungen, welche die Aussprache bestimmter Wörter für das Kind erleichtern (z.B. „Tilgung unbetonter Silben“ bei 2-jährigen: /mate/ für /tomate/).

2. Wortschatzentwicklung
Es wird ein zunächst leeres mentales Lexikon mit Einträgen bestückt. Durch gezielte Informationsaufnahme aus seiner Umwelt erwirbt das Kind nach und nach Bedeutungsinhalte (z.B. /bellt, hat Fell, wedelt mit dem Schwanz/) und verbindet diese mit sprachlichen Strukturen (/wauwau/), welche später noch korrigiert (/hund/) bzw. erweitert (/dackel/) werden können.
Bei Einschränkungen auf dieser Ebene kann es sein, dass das Lexikon altersentsprechend zu wenig Einträge enthält und somit zu wenig Wörter verstanden bzw. produzierte werden (Late Talker), dass die Einträge wenig ausdifferenziert sind oder dass Wortabrufschwierigkeiten vorliegen.

3. Grammatikentwicklung
Auf dieser Ebene gilt es die Regeln der muttersprachlichen Grammatik zu erwerben. Im Deutschen spielt der Erwerb der Verb-Zweit-Stellung mit ca. zweieinhalb Jahren eine zentrale Rolle (z.B. „Mama kauft Brot“). Vor zweieinhalb produziert das Kind Verb-End-Stellungen (z.B. „Mama Brot kaufen“). Weiterhin werden Fragesätze (z.B.„Wer kauft das Brot?“), Nebensätze (z.B.„Ich friere, weil es draußen kalt ist.“) sowie Regeln über den korrekten Kasus- und Pluralgebrauch innerhalb dieser Ebene erworben.
Bei Störungen innerhalb dieser Ebene ist es möglich, dass das Kind auch noch nach zweieinhalb Jahren Verb-End-Strukturen verwendet, keine Nebensätze oder W-Fragen benutzt.

Die Ebene der Kommunikation ist ein wichtiger Faktor für den Spracherwerb auf allen anderen Ebenen. Sind hier Auffälligkeiten zu verzeichnen wie bspw. fehlender Blickkontakt, enorme Sprechangst, fehlender Sprecher-Hörer-Wechsel etc. könnten dies Hinweise auf Störungen anderen Ursprungs sein (z.B. Autismus, selektiver Mutismus).

Im ZAPP wird bei der Befunderhebung jede der einzelnen Ebenen genau überprüft. Bei der Auswertung der Diagnostik wird sich am sprachnormalen Entwicklungsalter orientiert (Hat das Kind einen altersentsprechenden Wortschatz? Wie stark ist die Verzögerung?). Weiterhin wird geschaut, ob das Kind die Lernschritte erworben hat, welches es für den weiteren Spracherwerb benötigt. Die früheste Auffälligkeit ist der stark verzögerte Einstieg in den Spracherwerb (Late Talker).

Therapie
Durch die detaillierte Befunderhebung ist es möglich, ein exaktes individuelles Störungsprofil zu erstellen, um daraus die erforderliche Therapie ableiten zu können. Die Therapie erfolgt störungsspezifisch, d.h. sie setzt dort an, wo der Schwerpunkt der SES/SSES liegt. Sie hat zum Ziel, das Kind auf die Ebene des nächstfolgenden Entwicklungsschrittes, gemessen am ungestörten Spracherwerb, zu bringen, um einen weiteren entwicklungschronologischen Spracherwerb zu ermöglichen bzw. anzubahnen.

Wegweiser ins ZAPP
Um zu uns zu kommen, brauchen Sie eine Heilmittelverordnung vom Arzt (Kinderarzt oder HNO-Arzt). Unter der Telefonnummer 0331-2755067 kann dann ein Termin für eine Befunderhebung bzw. die Therapie vereinbart werden. Beide Leistungen werden von der Krankenkasse bezahlt. Informationsgespräche sind jederzeit möglich.